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Monde arabe

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Pierre PICCININ da PRATA (Historien - Politologue)

Syrien - Lügen und Medienmanipulation

  

Der folgende Artikel konzentriert sich auf die Protestbewegung in Syrien Mitte Juli und lässt andere Ereignisse unberücksichtigt. Dennoch zeigt er auf, dass die Quellen der etablierten Medien systematisch die tatsächlichen Zahlen manipulieren.

 

Photos-illustration-2 2546Hama - 500.000 Demonstanten (AFP Nachrichten)[1]

                                                                              ©  photo Pierre PICCININ- HAMA (15 Juli 2011)

 
Syrie - vignetteIn diesem Juli reiste ich nach Syrien, um einen tieferen Einblick in die Gründe der politischen Protestbewegung zu gewinnen. Ich konnte mich im ganzen Land frei bewegen und reiste von Daraa nach Damaskus, Homs, Hama, Marrat an-Numan und bis nach Jisr al-Shigur an der Grenze zur Türkei. Selbst Deir ez-Zor suchte ich auf – alles Regionen, von denen die Medien über massive Gewaltausbrüche berichtet hatten.

  

Ich war unmittelbarer Zeuge der unterschiedlichen internen Streitigkeiten, von denen einige gewaltsam verliefen und ganz andere Ursachen und Ziele als die friedliche Protestbewegung verfolgten. So versucht etwa die Moslem-Bruderschaft eine islamische Republik zu errichten, was wiederum sowohl Christen als auch Moslems in Schrecken versetzt.

  

Ich war überrascht mitzuerleben, wie die westlichen Medien, ganz im Gegensatz zu meinen eigenen Recherchen, Syrien als ein Land darstellten, das sich im Zustand einer ausgewachsenen Revolution befindet.

  

Tatsächlich schienen die umfassenden Protestbewegungen etwas ins Stocken geraten zu sein. Bei vielen Demonstrationen versammelten sich in der Regel nur wenige hundert Menschen in der Nähe von Moscheen, was auf einen islamistischen Hintergrund hindeutet. Nur in der Stadt Hama, die eine kulturelle Hochburg der Moslem-Bruderschaft darstellt und sich in einem Belagerungszustand befindet, stößt man daher auf Massenproteste.

 

 

Im Jahr 1982 bildete Hama das Zentrum einer gewaltsamen Revolte, die vom Vater des jetzigen Präsidenten Hafiz al-Assad niedergeschlagen wurde. Heute ist Hama von schwerbewaffneten Soldaten eingekreist. Bisher hat sich die Regierung aus Sorge um die Reaktion der internationalen Gemeinschaft gegen ein Blutbad entschieden.

 

 

Photos-illustration-2 2549

                                                                     ©  photo Pierre PICCININ- HAMA (15 Juli2011)

 

Ich erreichte Hama am Freitag, dem 15. Juli. Sehr rasch fand ich mich von Jugendlichen umringt, die die Kontrolle übernommen hatten. Nachdem ich meinen belgischen Pass vorgezeigt hatte, entspannte sich die Lage.

 

Mit den Rufen »Belgicaa! Belgicaa!« eskortierten sie mich, den einzigen ausländischen Beobachter vor Ort, durch die Menge der Demonstranten. Schließlich gelang es mir, das Dach eines Hochhauses zu erreichen, von dem aus ich einige Schnappschüsse machte, die das Ausmaß des Debakels zeigten.

 

Auf dem Asidi-Platz am Ende der großen El-Alamein-Avenue ging das Gebet im Lärm tausender Menschen, die aus der ganzen Stadt herbeikamen und gemeinsam trotzig »Allahu Akbar« riefen, zu Ende. In der gleichen Nacht noch erhielt ich Nachrichtenmaterial der Nachrichtenagentur AFP, in denen von Millionen Demonstranten in ganz Syrien die Rede war. Allein in Hama hätten sich 500.000 Protestler versammelt.

 

Dabei konnten es in Hama aber nicht mehr als vielleicht 10.000 Menschen gewesen sein.

 

 

 

 

Le Monde: Hama und Deir ez-Zor – 1.200.000 Demonstranten [2]

 
 

Diese »Information« war umso absurder, da die Stadt Hama insgesamt nur 600.000 Einwohner hat. Natürlich gibt es immer eine gewisse Fehlerquote und die Zahlen ändern sich bei unterschiedlichen Informationsquellen – Schätzungen sind immer ungenau.

 

Aber ins diesem Fall ging es nicht um eine Schätzung: Hier ging es um offensichtliche Desinformation, um reine Propaganda. 500.000 Demonstranten können vielleicht eine Regierung ins Wanken bringen, 10.000 zeigen viel weniger Wirkung. Zudem weisen viele »Informationen« über Syrien seit Monaten eine ähnlich verzerrte Darstellung auf.

 

Auf welche Quellen beruft sich AFP?

 

 

 

 

 

Die Darstellung Syriens als ein Land, das sich im Aufruhr befindet, während die Baath-Partei praktisch am Rande des Abgrundes steht, entspricht in keiner Weise der wirklichen Lage. Die Regierung besitzt die Kontrolle, und das, was von den Protesten noch übrig geblieben ist, wirkt zersplittert und verliert immer mehr an Bedeutung.

 

Aber die Folgen dieser letzten Desinformationskampagne im Falle Syriens reichen sehr weit: Die Lehren aus [dem rumänischen] Temeswar, dem Golfkrieg oder den Ereignissen in Jugoslawien sind nicht verinnerlicht worden. Die europäischen Medien lassen sich weiterhin darauf ein, ihre Berichterstattung auf schlecht recherchiertes Nachrichtenmaterial zu gründen, und gehen damit das Risiko ein, ihren Lesern oder Zuschauern eine scheinbare Realität zu präsentieren.

 

Doch wenn die Medien ihrer Verpflichtung zur eigenständigen Informationssammlung nicht nachkommen, ist die Demokratie selbst in Gefahr.

 

 

  

[1] Syrie : un million de manifestants contre le régime, 28 morts (Agence France-Presse, 15 Juli 2011).

[2] Syrie : 1,2 million de manifestants à Hama et Deir Ezzor, Le Monde, 22 Juli 2011.

 

 

Übersetzung : Die-Evidenz.